April 2012


|| Man hält mich für vieles… sollte ich mich ändern?

|| Man hält mich für spießig, weil ich keinen Alkohol trinke. Dabei mache ich viel Spaß mit, lache gerne und feiere auf Partys ausgelassen mit. Soll ich Alkohol trinken, damit man mich für cool hält?

|| Man hält mich für einen Schleimer, da ich versuche, alle freundlich & höflich zu behandeln. Dabei mache ich keine unehrlichen Komplimente, bin nicht sch€!ßfreundlich und sage immer meine ehrliche Meinung. Soll ich anfangen, manche Menschen schlecht zu behandeln, damit man mich nicht mehr als Schleimer sieht?

|| Man hält mich für naiv, weil ich an das Gute in jedem Menschen glaube. Dabei schließe ich mein Rad auf dem Campus an, achte auf Taschendiebe und glaube nicht jeder Werbung. Soll ich aufhören, das Gute im Menschen zu sehen, um als reif zu gelten?

|| Man hält mich für überheblich, da ich nicht immer zu allem eine Meinung äußere, sondern schweige. Dabei möchte ich meistens nur niemanden verletzen, oder habe in einem Thema noch zu wenige Kenntnisse, um etwas zu sagen. Soll ich allem zustimmen oder immer etwas sagen, um nicht mehr arrogant zu gelten?

|| Man hält mich für dumm, weil ich an das Göttliche Glaube. Dabei beschäftige ich mich mit Stephen Hawking, bezweifle nicht die Evolutionstheorie und vertraue auf wissenschaftliche Erkenntnisse. Soll ich aufhören, an etwas Göttliches zu glauben, damit man mich für klug hält?

|| Man hält mich für nicht frei, da ich mein Leben nach den Bahai-Geboten ausrichte. Dabei hat mich nie jemand gezwungen, Bahai zu werden, niemand schreibt mir etwas vor und ich fühle mich freier als ich es vor meiner Erklärung gefühlt habe. Soll ich den Bahai-Glauben ablegen, damit man mir glaubt, dass ich wirklich frei bin?

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|o| Zwei Lieder haben es mir gerade angetan, ein Deutsches und ein Amerikanisches. Das eine heißt „Is Anybody Out there?“ und wird gesungen von K’Naan & Nelly Furtado, das andere ist „Das Lied von den Vergessenen“ von Rosenstolz. Auf den ersten Moment sind es nur Poplieder, doch ich finde, dass sie etwas ganz deutlich machen: Wir sind kollektiv allein.

|o|Wie komme ich darauf? Na ja, in beiden Liedern geht es um Menschen, die sich einsam fühlen. Bei Rosenstolz ist es ein Junge, der von der Familie nicht verstanden und von den Jugendlichen in der Nachbarschaft drangsaliert wird. Er läuft durch die Gegend und fühlt sich von niemandem verstanden. Dabei begegnen ihm andere Menschen, die gerade ein Problem haben und nur mit sich beschäftigt sind.

|o| In dem anderen Musikvideo werden verschiedene Jugendliche gezeigt: die Coole, der ‚Mitläufer‘, die Außenseiterin, der Zocker. Jeder hat eigenen Probleme, die kurz thematisiert werden. Die Coole und der Mitläufer machen sich über andere lustig, um sich besser zu fühlen und von ihren Problemen abzulenken, die Außenseiterin läuft einsam umher.

|o| Aber was hat das mit uns zu tun? Solche Musikvideos sind doch nur gespielt. Hmm, das könnte man tatsächlich denken. Aber ist es nicht eigentlich wirklich so? Sind nicht viele von uns wirklich einsam? Sucht nicht jeder jemanden, der einen in dieser komplizierten Welt versteht, Halt gibt und Liebe zeigt?

Obwohl jeder danach sucht, machen wir es aber wie die Darsteller in den Musikvideos: Wir beschäftigen uns mit den eigenen Problemen und leben dabei das „Wenn jeder an sich denkt, ist doch an alle gedacht“. Aber ist damit wirklich an jeden gedacht? Bleibt dabei niemand zurück?

|o|Ich laufe oft umher und sehe Leute, die stark erscheinen,bei näherem Hinsehen aber einsam sind, sich schwach fühlen und nach einer Hand schreien, die die ihre ergreift. Da sind die, die ständig auf der Suche nach der großen Liebe sind. Da sind die, die Party ohne Ende machen und so viele Freunde wie möglich haben wollen. Da sind die, die hoffen, ein Baby kann ihre Einsamkeit beenden. Andere stürzen sich in die Arbeit und lenken sich ab. Andere lenken von sich ab, indem sie auf die Probleme und Schwächen anderer hinweisen und sich lustig machen.

|o| Muss es so sein? Müssen wir alle mit uns selbst beschäftigt sein? Ich habe manchmal das Gefühl, dass wir in unserem Streben nach persönlichem Glück und Individualität vergessen, dass der Mensch (biologisch gesehen) ein Herdentier, (psychologisch betrachtet) ein Sozialwesen und (philosophisch & theologisch gesehen) dazu da ist, Glück mit anderen zu teilen und es durch das Wirken mit anderen zu bekommen.

 |o| Diese Woche war wirklich voll mit vielen Nachrichten, manche davon tagtäglich überall nachlesbar, andere nur nebenbei erwähnt. Besonders in Gedächtnis geblieben sind mir drei: Die Nachrichten über den Norweger Anders B. Breivik, den Amerikaner Kenneth Weishuhn und den Palästinenser Ibrahim Abou-Nagie.

|o| Anders Breivik – ein Name, den jeder in den letzten Tagen sicherlich mehr als nur einmal gehört, gelesen oder anderweitig mitbekommen hat. Doch wer ist dieser Mensch eigentlich? Breivik ist der Mann, der im vergangenen Sommer 77 Menschen getötet hat. Darunter waren 68 Jugendliche, die in dieser Zeit an einem Jugendcamp der Norwegischen Sozialdemokraten auf der Insel Utøya teilnahmen. Zuvor tötete er in der Norwegischen Hauptstadt Oslo acht Menschen durch eine Explosion in einem Regierungsgebäude. Knapp ein dreiviertel Jahr später haben nun die Gerichtsverhandlungen begonnen.

Er brachte all diese Menschen um, da er sie verantwortlich machte für eine angebliche Vernichtung der Norwegischen Kultur. Während er auf der Insel Utøya herumlief, und seine Opfer mit Schüssen ins Gesicht tötete, rief er immer wieder „Ihr werden alle sterben, ihr Marxisten!“. In seinem Manifest 2083 A European Declaration of Independence äußert er antiislamische Gedanken, erläutert seinen Tathergang und ruft auf, gegen „Kulturmarxisten“ vorzugehen, die alle das Ziel hätten, die Europäische Kultur zu vernichten. Zu diesen Kulturmarxisten gehörten seiner Ansicht nach alle Sozialdemokraten, Feministen, Humanisten, Homosexuelle, Behindertenaktivisten, Tier- und Umweltschützer. Den Terroranschlag sah er als einzige Möglichkeit, etwas dagegen zu tun. Er wollte damit eine Bewegung in Gang setzen, die er mit den Kreuzzügen verglich. Er wurde noch am gleichen Tag seiner Tat festgenommen.

Während der aktuellen Gerichtsverhandlung hat Breivik wiederholt zugegeben, auf die Tat stolz zu sein. Er wäre zudem enttäuscht, nicht noch mehr Menschen umgebracht zu haben.1

|o| Doch nun zu Kenneth Weishuhn. Er war er? Kenneth war ein 14-jähriger Teenager in den USA. Er war beliebt, hatte viele Freunde an seiner High School und hatte nie Probleme mit seinen Mitschülern. Doch das änderte sich schnell, als er vor etwa einem Monat seinen Freunden erzählte, dass er schwul war. Er outete sich.

Und mit einem Schlag änderte sich alles. Seine Freunde begannen, ihn zu meiden. Doch dem nicht genug. Onine – auf Seiten wie Facebook und anderen Social Networks – wurde offen gegen ihn gehetzt. Eine Facebook-Gruppe wurde gegründet, die offen gegen Schwule und Lesben hetzte. Alle seine Freunde wurden dazu eingeladen. Irgendwann erhielt er Drohanrufe und Todesdrohungen über sein Handy.

Vergangenen Sonntag, am 15. April 2012, nahm er sich das Leben.

Seine Schwester meint, sie habe nicht verstanden, wie schnell sich alles ins Negative habe drehen können. Die Mutter macht die Schule verantwortlich, da sie nicht schnell genug eingeschritten ist. Kenneths Selbstmord ist somit in einer Reihe anderer homosexueller Jugendlicher, wie Eric James Borges (19 Jahre), Phillip Parker (14), Jeffrey Fehr (18) und anderer, die sich in den letzten Monaten das Leben aufgrund von Ausgrenzung und Mobbing an Schulen und in Familien das Leben nahmen. 2

|o| Und wer ist nun Ibrahim Abou-Nagie? Er ist ein Palästinenser, der in Deutschland lebt und als Islamischer Prediger tätig ist. Er leitet Islamschulen für Deutsche Jugendliche. Er gehört der Islamischen Strömung des Salafismus an und gilt als Betreiber der Website http://www.DieWahreReligion.de. Diese Website wurde genutzt, um öffentlich zu Straftaten aufzurufen.4

Vor wenigen  Tagen begannen die Salafisten in Deutschland mit der Verteilung kostenloser Koranausgaben in Deutschland. Gleichzeitig nutzen sie weiterhin die oben genannte Website, um mehr und mehr Jugendliche zum salafistischen Islam zu bringen. Der Vorsitzende des Deutschen Verfassungsschutzes, die salafistische Gemeinden und Gruppen in Deutschland beobachten, äußerte: „[…]wir stellen fest: Alle potenziellen Terroristen und Gewalttäter, die wir haben, haben in irgendeiner Form salafistische Bezüge.“ ³

Abou-Nagie hetzt in seinen Artikeln und Texten offen gegen Juden, Christen und Homosexuelle. 4

|o| Doch wie hängt das alles zusammen? Das eine spielte in Norwegen, das andere in den USA und das letzte in Deutschland. Wo ist da der Zusammenhang? Es ist ganz einfach: Vorurteile. Es geht immer um Vorurteile. Vorurteile der Weltanschauung, der Politik, der Religion, des Geschlechtes, der Sexualität, der Nationalität.

Breivik beging seine Taten in dem vorurteiligen Gedanken, dass alle diese ‚Kulturmarxisten‘ Europa vernichten wollten. Das Umfeld von Kenneth verurteilte ihn aufgrund von Vorurteilen. Abou-Nagie hegt Vorurteile gegen Juden und Christen. Immer ist das Konzept des Vorturteils das gleiche: Ich bin besser als der andere, ich gehöre der höheren Gruppe an.

Eine […] Lehre Bahá’u’lláhs ist, daß religiöse, rassische, politische,
wirtschaftliche und vaterländische Vorurteile den Bau der Menschheit zerstören.
Solange diese Vorurteile herrschen, wird die Menschenwelt keine Ruhe finden.
(Abdu’l Baha, Briefe und Botschaften)

Besonders in dieser Woche ist mir dieses Zitat bewusst geworden. Doch was hat das ganze mit mir zu tun? Ich meine, ich bin doch frei von Vorurteilen. Mir passiert doch so etwas nicht…Oder doch?

Nein, leider bin ich auch nicht frei von Vorurteilen, so gerne ich es auch wäre oder so sehr ich es auch versuche. Immer kommen neue dazu, wenn ich manche abgelegt habe. Andere bleiben länger. Da ist manchmal das Vorurteil, dass Arbeitslose faul sind. Da gibt es Vorurteil, dass HartzIV-Empfänger an ihrer Situation selber schuld sind. Jemand mit einer ungewohnten Frisur ist doof. Leute, die Heavy Metal hören, sind gewaltbereit und aggressiv. Und die Liste könnte ich noch weiter führen…

Es ist schade, dass ich manchmal so denke. Denn es hindert mich, Leute unbefangen kennenzulernen. Ich denke, dass ich auch noch etwas arbeiten muss in dieser Hinsicht. Und ich denke, diese Arbeit wird nicht enden. Immer kommen neue Vorurteile hinzu. Dazu muss ich nur in die Welt hinausgehen.

In unserer Gesellschaft herrschen so viele Vorurteile, dass es echt schwer ist, damit umzugehen. Abdu’l Baha sagt, dass, solange es Vorurteile gibt, keine Ruhe unter den Menschen gefunden wird. Ich glaube, ich weiß, was er damit meint.

Genau heute vor 100 Jahren hat Abdu’l Baha in Washington D.C. gesprochen:

Gott sieht nicht auf Unterschiede der Hautfarbe oder des Aussehens; Er sieht die Herzen an. Im Reich der Schöpfung und des Werdens ist die Farbe nach der Farbe die aller unwichtigste.
(Abdu’l Baha, Ansprachen in England un Nordamerika)

Vielleicht sollte ich das nächste mal genau an diese Worte denken, wenn sich in mir wieder ein Vorurteil bildet…

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Links zu den Quellen, abgerufen am 20.April 2012 (20:00)

1 – http://www.focus.de/politik/ausland/terror-in-norwegen/tid-25555/liveticker-zum-breivik-prozess-das-ziel-war-alle-zu-toeten-_aid_740267.html

2 – http://youtu.be/68Vd7T4BCYc

3 – http://www.stern.de/politik/deutschland/koran-verteilung-salafisten-stellen-islamkonferenz-in-den-schatten-1815946.html

4 – http://taz.de/Salafist-Ibrahim-Abou-Nagie/!91868/

 

|o|Ich bin gerade nach Hause gekommen und höre mal wieder tape.tv. Heute war ein interessanter Tag. Mittags war ich mit einer Kommilitonin zum Englisch üben verabredet und es gab gutes Mittagessen.  Meine beste Freundin hat sich nachmittags noch gemeldet und mir erzählt, dass sie kurzfristig in Dresden auf Durchreise ist – ein kleines Spontantreffen war die Folge. Den Abschluss bildete eine DVD-Abend (‚Black Swan‘ nebenbei bemerkt).

 

|o|Ich war auf dem Weg nach Hause, gerade eben. Da ich an einer Tanke vorbei kam, wollte ich schnell mein Fahrradreifen wieder mit Luft füllen. Nur irgendwie ging das Ventil nicht auf, es hatte sich so sehr in die Bindung gedreht, dass ich drehen konnte wie ich wollte. Was sollte ich jetzt machen? Das Rad in die Ecke hauen? ‚Hmm, vielleicht frage ich erstmal die Tankstellenwärterin‘, kam mir der Gedanke. ‚Hätten Sie vielleicht eine Zange da?‘ Sofort begibt sie sich auf den Weg und sucht mir eine Zange. Obwohl sie besseres zu tun gehabt hätte.

|o|Was habe ich heute noch gemacht? Genau, ich war in der Bücherei und habe mir Material für ein Referat geholt. Auf dem Weg nach Hause habe ich beschlossen, eine Pizza zu essen. Also ab in den nächsten Discounter! Rad angeschlossen, Schlüssel in die Tasche und … den Obdachlosen vor dem Eingang gesehen. ‚Oh!‘, denke ich. ‚Soll ich helfen?…Nein, wenn ich ihm Geld gebe, dann kauft er sich vielleicht Drogen oder Alkohol davon. Dann ist ihm auch nicht geholfen…aber vielleicht kauf ich ihm was zu essen…hmm, aber eigentlich kann er auch zur Wohlfahrt gehen, die müssten ihm schon was geben können.‘ Ich ging zur Eingangstür und er begrüßt mich mit einem freundlichen, aber müden ‚hallo‘. Ich nicke nur mit dem Kopf und gehe hinein. Während ich so durch die Regale laufe, überlege ich hin und her. Sollte ich ihm etwas geben? An der Kasse lege ich meine Pizza auf das Band, bezahle mit dem letzten Kleingeld im Portemonnaie und gehe wieder zur Tür…und gehe zu dem Mann und gebe ihm ein 50-Cent-Stück. ‚Hmm, so schlimm ist es gar nicht…‘

|o|Als ich wieder zu meinem Fahrrad gehe, spricht mich eine Frau an: ‚Es gibt doch noch gute Menschen.‘, spricht sie. Ich unterhalte mich kurz mit ihr und erzähle ihr meine Bedenken, also wegen dem Alkohol und den Drogen. Sie antwortet nur darauf: ‚Wissen Sie, es ist egal, was Sie ihm geben. Es macht ihn für einen kleinen Moment glücklich. Ändern, was er ist oder wie er denkt und handelt, können wir leider nicht. Aber eine kleine Freude kann man ihm bereiten.‘
Hmm, eine ganz gute Erklärung. Mit dem Gedanken gehe ich nach Hause und mache mir meine Pizza.

|o|Auf dem Rückweg vom DVD-Abend sind mir dann auch noch meine Schuhe kaputt gegangen. Liegt wohl daran, dass ich sie immer günstig bei einem gewissen Schuhändler kaufe…Also machte ich mich daheim auf die Suche nach dem Alleskleber. Dabei finde ich so einiges, aber nicht den Kleber. Ein kleines Büchlein mit verschiedenen Sprüchen kam mir dabei in die Hand. Natürlich muss ich einen Blick hinein werfen…und dann fällt mir ein Spruch ins Auge, der heute wie die Faust aufs Auge passt. Und der Spruch passt mal unglaublich gut zu diesem Tag:
Manchmal möchte ich Gott fragen, warum Er Armut, Hungersnot und Ungerechtigkeit zulässt, obwohl Er doch die Macht hat, etwas dagegen zu tun. Aber dann habe ich Angst, dass Er mir die gleiche Frage stellt…
Leider weiß ich nicht, von wem der Spruch stammt. Doch er passt heute mal unglaublich gut auf den Tag.

|o| Oft denke ich, dass wir immer ein schlechtes Gewissen bekommen: Welthunger, Verfolgung, Massenarmut. Und wir sehen nur zu. Man möchte uns ein schlechtes Gewissen einreden, für Dinge, die wir nicht verschuldet haben. Und dann schieben wir die Schuld zurück – auch an Gott. Ein oft genanntes Argument von Atheisten, wenn sie mit mir oder anderen über Gott reden, ist, dass es Gott ja gar nicht geben kann, wenn Er doch so viel Leid in dieser Welt zulässt. Ich kann dieses Argument voll verstehen, denn auch ich sehe dieses Leiden, diese schlechten Dinge in der Welt. Doch mittlerweile stelle ich mir viel mehr die Frage, warum wir als Menschen das ganze Zeug eigentlich zulassen.

|o| Natürlich können wir als einzelne Menschen nichts wirklich an der Situation in Afrika ändern, wir können auch nicht die Verfolgung von Minderheiten in anderen Länder verhindern oder jedem Straßenkind aus Asien ein Zuhause bieten. Das liegt über der Kraft eines einzelnen. Natürlich gibt es Möglichkeiten, etwas zu tun. Es gibt Patenschaften, es gibt Freiwilligenprojekte, Entwicklungshilfe, Spenden für Hilfsorganisationen. Doch als Student sind meine Mittel doch auch begrenzt. Natürlich möchte ich etwas tun, doch bin in meinen Mitteln so begrenzt.

|o| Doch vielleicht muss ich gar nicht so große Dinge vollbringen? Mir wurde heute der Tag gerettet – von einer Tankwärterin, die mir eine Zange gegeben hatte. Mir wurde heute der Tag gerettet durch eine Freundin, die mich angerufen hat, um sich mit mir zu treffen.  Einem hilflosen Mann konnte ich eine kleine Freude machen. Um die Ungerechtigkeit zu beenden, reicht es als Anfang schon aus, dem Gemobbten in der Klasse, dem Büro oder im Kreise der Kollegen zur Seite zu stehen.Ist das nicht alles auch schon etwas Gutes? Muss man immer die Welt retten? Hmm, ich weiß nicht.
Im Judentum gibt es ein Sprichwort:
Wenn man einem Menschen das Leben rettet, ist es, als ob man die ganze Welt rettet.
Zwar habe ich heute keinem Menschen das Leben gerettet, doch daurm geht es denke auch nicht immer. Auch kleine dinge ändern die Welt. Ein kleines Zeichen der Hilfsbereitschaft, der Freundlichkeit oder der Menschlichkeit tun es ja auch. Wenn es auch nur einer ist, dem vielleicht nur für den Moment geholfen wurde – es ist etwas Gutes mehr, dass in der Welt ist. Und wenn ich älter bin, wenn ich mehr Geld verdiene als als Student, dann kann ich auch mehr tun, als ich jetzt tun kann.

 

|o|Im letzten Beitrag über die „Basics“ des Bahai-Glaubens wurden die ersten fünf seiner elf Prinzipien erklärt. Jetzt kommt der zweite Teil dieser Prinzipien.

|o|Das sechste Prinzip Bahai Prinzipien lehrt die grundsätzliche Gleichwertigkeit aller Menschen. Nach den Bahai Lehren sind alle Menschen mit der gleichen Würde, den gleichen Rechten und der gleichen Freiheit ausgestattet.

O Menschenkinder!

Wisst ihr, warum Wir euch alle aus dem gleichen Staub erschufen?
Damit sich keiner über den anderen erhebe.
Bedenket allzeit in eurem Herzen, wie ihr erschaffen seid.
(Baha’u’llah, Die verborgenen Worte)

Dies heißt, dass jedem Menschen auch gewisse Daseins- und grundlegende Existenzrechte zugesprochen werden. Es hängt sehr stark mit dem siebenten Prinzip der Offenbarung Baha’u’llahs zusammen: der Forderung nach sozialer Gerechtigkeit.
Abdu’l Baha lehrt:

Jedes menschliche Wesen hat das Recht zu leben, alle haben ein Anrecht
auf Ruhe und auf ein gewisses Maß von Wohlstand.
Wenn ein Reicher auf seinem Schloß in Üppigkeit und größter Behaglichkeit zu leben vermag, so sollte auch der Arme so viel erhalten können, daß er leben kann.
Niemand dürfte Hungers sterben, jeder müsste ausreichende Kleidung haben.
Es dürfte keiner im Übermaß leben, während andere keine Daseinsmöglichkeit besitzen.
(Abdu’l Baha, Ansprachen in Paris)

Weiterhin ruft Abdu’l Baha dazu auf, dabei mitzuwirken, gegen Zustände wie die extreme Armut in der Welt zu kämpfen. Die Extreme von übermäßigem Reichtum sowie grausamer Armut sollten beseitigt werden und dabei mitgeholfen werden, dass jeder ein gewisses Maß an Lebensstandard erhält, während derjenige, der Leistung erbringt, trotzdem noch belohnt wird.

|o|Im achten Grundsatz des Bahai Glaubens dreht sich alles um den Weltfrieden und die Erreichung dessen. Nach Bahai Ansicht ist „Weltfrieden […] nicht nur möglich, sondern unausweichlich. Er ist die nächste Stufe in der Evolution dieses Planeten.“ (Das Universale Haus der Gerechtigkeit, Die Verheißung des Weltfriedens).

Doch wie kann Weltfrieden erreicht werden? Ist diese Frage nicht viel zu komplex, nicht viel zu groß? Wird die Welt nicht weiterhin in Kriege verfallen? Bahai sagen: Die Menschheit steht vor der Aufgabe, die Wahl zu treffen. Weltfrieden wird eintreten, daran glauben die Bahai. Aber [o]b der Friede erst nach unvorstellbaren Schrecken erreichbar ist, heraufbeschworen durch stures Beharren der Menschheit auf veralteten Verhaltensmustern, oder ob er heute durch einen konsultativen Willensakt, das ist die Wahl, vor die alle Erdenbewohner gestellt sind. (Das Universale Haus der Gerechtigkeit, Die Verheißung des Weltfriedens).

Dies ist auch der Grund, weshalb einzelne Bahai und Bahai Gemeinden oft in Friedensprojekten, im Interreligiösen Dialog sowie in anderen Projekten, Organisationen und Vereinigungen mitarbeiten, die sich für die Erreichung solcher Ziele einsetzen.
Die Bahai International Community BIC ist seit 1948 als Nichtregierungsorganisation bei den Vereinten Nationen anerkannt. Sie hat zudem Beraterstatus beim Wirtschafts- und Sozialrat der Vereinten Nationen ECOSOC (seit 1970) und bei UNICEF (seit 1976), dem Kinderhilfswerk der UN. Die BIC arbeitet ebenfalls mit der Weltgesundsheitsorganisation WHO, dem UN-Entwicklungsprogramm UNDP, dem UN-Umweltprogramm UNEP sowie dem Entwicklungsfonds der Vereinten Nationen für Frauen UNIFEM zusammen.

 

|o|Ein weiteres Prinzip der Bahai Religion ist die Betonung einer umfangreichen Erziehung und Bildung.

Betrachte den Menschen als ein Bergwerk,
reich an Edelsteinen von
unschätzbarem Wert.
Nur die Erziehung kann bewirken, dass es seine Schätze

enthüllt und die Menschheit daraus Nutzen zu ziehen vermag.
(Baha’u’llah, Ährenlese)

Laut den Bahai Lehren bilden Erziehung und Bildung von Kindern als verdienstreiche Aufgabe.

In den Augen Gottes ist der beste Weg, Ihn zu verherrlichen, die Erziehung der Kinder
und ihre Bildung in allen Vollkommenheiten der Menschheit. Keine edlere Tat ist denkbar.

(‘Abdu’l-Bahá, Briefe und Botschaften)

Dabei ist jedoch nie von einer rein religiösen Erziehung und Bildung die Rede, sondern immer von einer umfassenden.

Die Gemeinschaft sollte sich vielmehr Tag und Nacht bemühen und mit äußerster Anstrengung und Begeisterung danach streben, die Erziehung der Menschen durchzuführen und sie zu veranlassen, Tag für Tag Fortschritte zu machen, Erkenntnis und Wissenschaft zu mehren,
Tugenden zu erlangen, sich gute Sitten anzueignen […]
(Abdu‘l Baha, Beantwortete Fragen)

|o|Das zehnte Ideal der Bahai Religion ist die Gleichberechtigung von Mann & Frau.

Im Angesicht Gottes waren Frauen und Männer von jeher gleich und werden es immer sein.
(Baha’u’llah)

Die Entwicklung der Menschheit wird dabei abhängig von der Gleichberechtigung der Frau gemacht.

Die Menschenwelt hat zwei Flügel:
Den einen bilden die Frauen, den anderen die Männer.
Erst wenn beide Flügel gleichmäßig entwickelt sind, kann der Vogel fliegen.
Bleibt ein Flügel schwächlich, so ist kein Flug möglich.
(Abdu’l Baha, Briefe und Botschaften)

|o|Das elfte Prinzip des Bahai Glaubens ist, dass Religion und Politik getrennt sein sollten. Die Aufgabe der Religion wird dabei in einer spirituellen, geistigen, moralisch-ethischen Wirkung auf das Leben des Menschen wahrgenommen, während die Politik sich um die Belange der Öffentlichkeit und der materiellen Welt kümmern sollte.

Die Religion befaßt sich mit geistigen Fragen, die Politik mit weltlichen Angelegenheiten.
Die Religion hat es mit der Gedankenwelt zu tun,
während das Gebiet der Politik zum Bereich der äußeren Gegebenheiten gehört.
(Abdu’l Baha, Ansprachen in Paris)

|o| Dies sind grundlegende Prinzipien des Bahai Glaubens. Wie ich schon geschrieben habe, gibt es innerhalb des Bahai Glaubens keine Geistigkeit, weshalb Ausführungen, Erläuterungen und Texte wie diese hier immer nur eine persönliche Deutung darstellen. Lediglich die Offenbarungstexte Baha’u’llah sind für alle Bahai gültig sowie die Erläuterungen Abdu’l Bahas, Seines Sohnes und nach Seinem Hinscheiden durch Ihn bevollmächtigten Erklärers der Heiligen Texte, sind gültig und bindend.

 

|o|Jetzt ist es wieder so weit, Ostern steht vor der Tür (oder besser gesagt, steht es schon wieder im Flur und zieht sich die Schuhe an). Jetzt ist Ostersonntag, Nachmittag genauer gesagt. Die Eier wurden schon gesucht, wenn es auch etwas mager dieses Jahr aussah. Aber ist das eigentlich so wild? – Bezugspunkt Ostern

|o|Was ist eigentlich Ostern? Wo kommt es her? Warum feiern wir es?

Ostern ist das Fest der Auferstehung Christi, eines der wichtigsten Feste im Christlichen Feiertagskalender. Aber was hatte Jesus mit Eiern und Hasen zu tun? War Er nicht eher der Prediger und Wanderlehrer? Hmm, schon seltsam, wie man da auf Eier und Hasen gekommen ist. Und von Schokolade ganz zu schweigen…

Ich kann mich noch an eine Stunde im Geschichtsunterricht irgendwann anfang der Mittelschule erinnern. Wir behandelten die germanischen Götter und die germanische Mythologie. Dort verehrte man eine Göttin namens ‚Ostara‘, der Göttin des Frühlings.  Den Namen des Festes hat die Kirche vermutlich davon übernommen.

Aber wie kommt man zu Hasen und Eiern? Hasen waren die Schutztiere dieser Gottheit. Sie stehen für Fruchbarkeit und Fortpflanzung. Hmm, passt ja. Im Frühling verlieben sich ja letztlich alle. Aber warum die Eier? Ein Dank geht an dieser Stelle an meine damalige Religionslehrerin, die mit uns über die Bedeutung von Eiern sprach. Sie galten als Symbol des Lebens und in einigen Kulturkreisen als Bild der Wiedergeburt.

Also ist Ostern ein Fest der Fruchtbarkeit, der Wiedergeburt und der Auferstehung? Man kann es so verstehen.

|o|Wie kann man aber nun als Nicht-Christ Ostern feiern? Mal abgesehen davon, dass Karfreitag (der Tag, an dem Jesus gekreuzigt wurde), Ostersonn- und Ostermontag gesetzliche Feiertage sind, hat sich ja auch eine Schenk- und Versteck-Tradition entwickelt. Die nimmt mich aber als fast erwachsenen 22-Jährigen nicht wirklich mit. Sie macht mir eher Stress, wenn ich mal wieder vergessen habe, kleine Präsente für Family und Co. zu kaufen. Auch ist mir das Christliche Fest als Bahai nicht unbedingt so nahe wie es vielleicht einem Christen ist.

Doch wie kann ich dann Ostern gebührend feiern? Wie kann ich zeigen, dass ich meinen Christlichen Verwandten und Lieben Respekt zeige und dass ich auch Jesus schätze &  achte? Und wie kann ich die Zeit des leider schon zu sehr auf Konsum ausgerichteten Festes sinnvoll gestalten?

|o|Frühling…vielleicht ist das das Stichwort. Der Frühling ist der Anfang des Jahres, alles beginnt zu blühen, alles erwacht zu neuem Leben. Auch andere Religionen und Kulturen feiern Frühlingsfeste. Ende April finden im Erzgebirge und soweit ich weiß auch im restlichen Sachsen Hexenfeuer statt, die das endgültige Ende des Winters anzeigen sollen. Die Bahai feiern im März Naw-Ruz, in Schottland und anderen ehemaligen Keltischen Regionen wird Beltane gefeiert.

Vielleicht kann man Ostern oder generell den Frühling nutzen, um neue Kraft zu tanken? Warum nicht? Es markiert den Beginn des neuen Jahres besser als es eine Silvester-Party mit Knallern, Feuerwerk und Sekt tun kann.

Aber hatte Ostern nicht auch etwas mit Suchen & Finden zu tun? Hmm, was sollte man den suchen? In meiner Familie wird Ostern kaum gefeiert, zumindest nicht mehr so stark wie in meiner Kindheit. Kleinigkeiten wie Schoko-Osterhasen (sind wir wieder bei den Hasen ;] ) werden meist direkt überreicht oder sehr einfach versteckt. Wo also suchen?

Hmm, die Frage habe ich mir auch gestellt. Dann laß ich folgenden Text Abdu’l Bahas:
Man darf in jedem menschlichen Wesen nur das sehen, was des Lobes würdig ist.

Aber das ist leider nicht so einfach zu finden. Ich meine, in unserer Gesellschaft, wo es überall auf Arbeit, in der Uni, der Schule, ja sogar innerhalb von Familien und Ehebetten hauptsächlich um Leistung geht, finden sich die Fehler des anderen doch viel leichter. Versagen ist viel eifnach aufzufinden als Erfolge.

Dann ist es das was ich suchen sollte. Hmm, einfach mal schauen, ob man eine positive Eigenschaft in seinem Gegenüber findet. Das gestaltet sich schwieriger, als gedacht. Der Nachbar, der immer am Sonntag Rasen mäht, die ständig lästernde Kollegin oder der unfreundliche Verkäufer im Supermarkt um die Ecke. Warum soll ich denn da auf das Gute schauen? So ein Schwachsinn…

Am Karfreitag besuchte ich meinen Stiefopa mit meinen Eltern. Leider bin ich die Nacht vorher zu spät schlafen gegangen und war dadurch sehr müde. Doch meinen Opa störte das nicht. Er war froh, dass wir da waren und hatte volles Verständnis dafür. Er freute sich, dass wir da waren.

|o|Und dann fällt mir ein, dass ich ja selbst nicht perfekt bin. Warum sollte ich eigentlich dann erwarten, dass andere es sind? Hmm, das sollte ich mal überdenken.

Um auch etwas zum Christlichen Gedanken des Festes beizutragen, bringe ich vielleicht eine Geschichte aus dem Neuen Testament: Eine Frau wurde des Ehebruchs bezichtigt, man hatte sie auf frischer Tat ertappt, in flagranti sozusagen. Ihrer Mitbürger forderten die Steinigung dieser Frau. Doch Jesus hielt sie davon ab mit den Worten:
Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie.
(Joh 8, 7)

Jesus hielt die Menschen also davon ab, diese Frau für ihr wirklich schweres Verbrechen zu steinigen. Hmm, Steinigungen gibt es vielleicht heute nicht mehr, zumindest nicht wörtlich. Aber sind Lästereien, Vorverurteilungen oder gar Ausgrenzungen aufgrund gewisser Schwächen nicht auch eine Art Steinigung? Ich denke, sie können genauso schmerzen und auch zu eime Tod führen, zum sozialen Tod.

Ich meine, jeder von uns hat seine Schwächen. Das heißt ja aber nicht, dass der andere gleich ein Arschloch ist. Vielleicht sollte ich mehr darauf achten, meine Fehler auszubessern, als an anderen herumzunörgeln? Wenn ich beim Autofahren auf den Fahrer neben mir achte, fahre ich sicher gegen den Baum.

|o|Oh, jetzt fehlt der Teil über die Schokolade…eh, ja. Die kommt hier:

Na, findet ihr den Fehler im Bild?

Natürlich ist der Weihnachtsmann der Fehler, aber ist es nicht gerade dieser Tick, der das Bild ‚besonders‘ macht? Denk mal d’rüber nach…

 

Frohe Ostern noch!

|o|Im ersten Teil der Basics über den Bahai Glauben wurden Infos über die Geistigen Prinzipien der Bahai gegeben. Aber das ist ja bei weitem nicht alles. Jede Religion, jeder Glaube baut auf einer bestimmten Ethik, auf verschiedenen Lehren im Bezug auf das eigene Leben und auf das gesellschaftliche Zusammenwirken auf. Welche Lehren, welche Ethische Prinzipien prägen den Bahai Glauben besonders?

|o|Insgesamt gibt es elf ethische Prinzipien, die von Abdu’l Baha, dem Sohn des Religionsstifters Baha’u’llah und nach dessen Hinscheiden bevollmächtigten Erklärer der Schriften, in Seinen ‚Ansprachen in Paris‘ als grundlegend genannt wurden und den Bahai Glauben besonders prägen. Sie sollen das Denken, Handeln und Leben eines Bahai besonders prägen. Ich werde in diesem Abschnitt auf fünf davon eingehen, die restlichen sechs erkläre ich im dritten Teil der Basics.

|o|Der erste ethische Grundsatz ist das Prinzip der selbstständigen und eigenverantwortlichen Suche nach Warheit. Nach den Bahai Lehren hat jeder Mensch das Recht, selbstständig nach Wahrhheit, Erkenntniss und Wissen zu suchen. Baha’u’llah offenbarte:

O Sohn des Geistes!
Von allem das Meistgeliebte ist Mir die Gerechtigkeit. […]
Mit ihrer Hilfe sollst du mit eigenen Augen sehen, nicht mit denen anderer,
und durch eigene Erkenntnis Wissen erlangen, nicht durch die deines Nächsten.
(Baha’u’llah, Die Verborgenen Worte)

Dies bedeutet, dass jeder Mensch auf eigene Faust nach Wahrheit suchen muss. Dies ist ein Recht, welches Gott jedem Menschen zuspricht. Deshalb versuchen Bahai auch nicht, andere Menschen zu bekehren. Sie klären lediglich auf, informieren und geben bei Interesse mehr Auskunft über ihren Glauben. Jemanden durch Überreden oder sogar Drohungen zum Glauben zu bringen, ist den Bahai verboten.
Da jeder Mensch selbstständig nach Wahrheit suchen muss und die Menschheit eine Stufe erreicht hat, in der (jetzt oder in naher Zukunft) jeder Mensch Zugang zu ausreichend Wissen und Informationen bekommt, gibt es innerhalb der Bahai Religion auch keine Priesterschaft, Berufstheologen oder andere Formen der Geistlichkeit. Als Grundlage des Glaubens gelten alleine die offenbarten Texte Baha’u’llahs (*1817 – †1892) und die Erläuterungen Seines Sohnes Abdu’l Bahas (*1844 – †1921). Jeder Gläubige sollte sich aufgrund dieser Texte selbst eine Meinung bilden, durch Beratung und Austausch mit anderen mehr Verständnis für die Texte erlangen und sie auf das individuelle Leben abwandeln.
(Dies ist auch der Grund, warum alle hier niedergeschriebenen Auslegungen des Glaubens nur meine persönliche Interpretation sind. Lediglich die Zitate sind für Bahai ‚bindend‘.)

|o|Das zweite ethische Prinzip Baha’u’llahs ist die Lehre von der Einheit der Menschheit.

Es rühme sich nicht, wer sein Vaterland liebt, sondern wer die ganze Welt liebt.
Die Erde ist nur ein Land, und alle Menschen sind seine Bürger.
(Baha’u’llah, Ährenlese)

Alle Menschen sind die Blätter und Früchte des gleichen Baumes, […]
und haben alle gleichen Ursprung.
(Abdu’l Baha, Ansprachen in Paris)

Alle Menschen sind als Bürger dieser Welt zu sehen, allen ist die gleiche Achtung entgegenzubringen und niemand als böse, minderwertig oder weniger menschlich anzusehen.

|o|Ein weiteres Prinzip des Bahai Glaubens ist, dass Religion Liebe und Zuneigung hervorrufen sollte. Eine Religion, die dazu führt, dass Menschen sich meiden, Abneigungen gegeneinander entwickeln oder sogar Hass hervorrufen ist laut den Bahai Lehren von den Göttlichen Lehren abgeirrt.

Die Religion sollte alle Herzen vereinen und Krieg und Streitigkeiten auf der Erde vergehen lassen, Geistigkeit hervorrufen und jedem Herzen Licht und Leben bringen.
Wenn die Religion zur Ursache von Abneigung, Hass und Spaltung wird, so wäre es besser, ohne sie zu sein, und sich von einer solchen Religion zurückzuziehen, wäre ein wahrhaft religiöser Schritt.
(Abdu’l Baha, Ansprachen in Paris)

Dieses grundlegende Prinzip wirkt sich sehr stark auf das Leben der Bahai aus, weshalb sie viele Freunde anderer Religionen haben und  sich vielfältig am interreligiösen Dialog beteiligen. Es gibt auch Menschen, die gerne Bahai werden wollen, jedoch dann aufgrund bestimmter Traditionen, gesellschaftlicher Normen oder anderer Dinge von ihrer Familie verstoßen werden würden und aus diesem Grund nicht Bahai werden, um die Einheit der Familie nicht zu zerstören.

|o|Das vierte Prinzip der Bahai Offenbarung betrifft das Verhältnis von Religion und Wissenschaft, von Glaube und Vernunft. Nach Baha’u’llah und Seinem Sohn Abdu’l Baha sind Religion und Wissenschaft gleichberechtigte Partner, als zwei Teile dieser einen Welt und der Wahrheit.

Wir können die Wissenschaft als einen Flügel und die Religion als einen anderen Flügel betrachten. Der Vogel braucht zwei Flügel, um fliegen zu können, einer allein wäre zwecklos. […]

Bringt euren ganzen Glauben in Übereinstimmung mit der Wissenschaft. Es kann keinen Gegensatz geben, weil es nur eine Wahrheit gibt. Wenn die Religion, befreit von Aberglauben, Überlieferungen und unverständigen Dogmen, ihre Übereinstimmung mit der Wissenschaft dartut, so wird eine große einigende, reinigende Kraft in der Welt sein […].
(Abdu’l Baha, Ansprachen in Paris)

Nach den Bahai Lehren kann eines von beiden nicht dazu beitragen, die Welt zu entwickeln, zu bessern und eine fortschreitende Kultur unterstützen. Sollte man Religion ohne Wissenschaft & Vernunft haben, würde dies zu Aberglauben und Fanatismus führen. Wissenschaft ohne Religion führte schließlich zu Materialismus.

|o|Die fünfte Leitlinie ist die Lehre von der Ablehnung von Vorurteilen. Vorurteile, egal ob sie nationaler, rassischer, religiöser, ethnischer, politischer oder anderer Art sind, führen zu Ausgrenzung, Hass und letztendlich auch Krieg.

Alle Spaltungen in der Welt, Haß, Krieg und Blutvergießen, werden
durch das eine oder andere dieser Vorurteile hervorgerufen.
(Abdu‘ Baha, Ansprachen in Paris)

Prinzipien: der selbstständigen Suche nach Wahrheit. Wie soll man selbstständig, d.h. ‚frei‘, nach Wahrheit suchen, wenn einem Vorurteile daran hindern, diese zu finden? Wie soll man Erkentnisse bekommen, wenn man Menschen egal welchen Hintergrundes aufgrund von Vorurteilen meidet, die einem vielleicht unglaublich viel Wissen zu teil werden lassen können?

Der Mensch muss sich von allen Vorurteilen und von den Ergebnissen seiner eigenen
Einbildung trennen, so dass er zum ungehinderten Suchen nach Wahrheit fähig werde.
(Abdu‘ Baha, Ansprachen in Paris)

Auch sollen Vorurteile nicht auf der Grundlage von Religion gebaut werden. Niemand solle jemand anderen meiden, weil man sich selbst als Anhänger einer scheinbar ‚überlegeneren‘ Religion sieht. Viel mehr sollten Religion und Glaube dazu führen, Vorurteile abzulegen und diese zu verringern, anstatt sie selbst zu bedienen.

Gehen Vorurteile und Feindseligkeiten auf das Konto der Religion, so bedenkt,
dass die Religion zu Freundschaft führen muss; andernfalls ist sie unnütz.
(Abdu’l Baha, Briefe und Botschaften)

|o|Das war der erste Teil der Bahai Prinzipien. In einem weiteren Beitrag werden die restlichen Prinzipien erklärt.

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