|o|Im Beitrag über die Bezugspunkte habe ich erzählt, dass der Bahai-Glaube einen wichtigen Teil meines Lebens ausmacht und mich zum Großteil als Person definiert. Aber was ist der Bahai-Glaube? Worin zeichnet er sich aus? Was unterscheidet ihn von anderen Glaubensauffassungen? Und wichtiger: was verbindet ihn mit anderen? Ich werde hier versuchen, einen kleinen Einblick zu geben und einige grundlegende Dinge zu erklären – die Basics sozusagen.

Der Bahai-Glaube hat drei grundlegende Überzeugungen, auf denen alle anderen Lehren aufbauen. Diese drei Glaubensprinzipien sind Prinzipien der Einheit – die Einheit des Göttlichen, die Einheit der Religionen und die Einheit der Menschheit.

|o|Was ist damit gemeint? Es bedeutet, dass Bahai daran glauben, dass es nur einen Gott gibt und dieser Gott in verschiedenen Religionen, Weltanschauungen und Traditionen nur unterschiedliche Namen erhalten hat. Doch Gott ist für den Menschen unerkennbar, zumindest auf keinem direkten Weg. Der menschliche Verstand, der menschliche Geist ist begrenzt, Gott ist jedoch unbegrenzt. Man könnte es mit einem Gemälde erklären, dass viele Gedanken und Eigenschaften des Künstlers in sich trägt, jedoch niemals den Künstler erfassen kann.

O Sohn des Menschen!
Verhüllt in Meinem unvordenklichen Sein und in der Urewigkeit Meines Wesens, wusste Ich um Meine Liebe zu dir. Darum erschuf Ich dich, prägte dir Mein Ebenbild ein und offenbarte dir Meine Schönheit.
(Baha’u’llah, Verborgene Worte)

Erhaben, unermesslich erhaben bist Du über das Bemühen der Sterblichen, Dein Geheimnis zu enträtseln, Deine Herrlichkeit zu schildern oder die Art Deines Wesens auch nur anzudeuten.
(Baha’u’llah, Ährenlese)

|o|Das zweite Prinzip ist das Prinzip der Einheit der Religionen. Da es für Bahai nur einen Gott gibt, gibt es demzufolge auch nur eine Religion – die Religion Gottes. Doch halt…es gibt doch aber mehr als nur eine Religion? Wie kann man das verstehen?
Die Bahai-Schriften erklären, dass Gott nur mithilfe Seiner Offenbarer erkannt werden kann, die von Ihm gesandt wurden, um den Menschen die Göttlichen Lehren zu vermitteln. Krishna, Buddha, Moses, Jesus, Mohammad, Báb und schließlich Baha’u’llah sind Gottesoffenbarer, die uns helfen, Gottes Wort, Willen und vor allem Seine Liebe, Gebote & Ratschläge für ein glückliches Leben zu erkennen.

Denn es gibt nur einen Gott und eine Menschheit, und
das einzige Glaubensbekenntnis der Propheten ist das der Liebe und Einheit.

(Abdu’l Baha, Promulgation)

Das heißt, dass für Bahai alle Religionen – alle auf den Offenbarungen der oben genannten Offenbarer aufbauend – als Heilig gelten. Ihre Offenbarungen sind Geschenke Gottes, die uns – Seinen Kindern – helfen sollen, ‚erwachsen‘ zu werden. Auch andere Religionen, wie beispielsweise die Naturreligionen indigener Völker, gelten als Heilig, auch wenn ihre Gottesoffenbarer und deren Lehre nicht mehr vollkommen zurückverfolgt werden können. Sie entstammen jedoch alle der gleichen Quelle.

Wie stehen Bahai aber nur anderen Religionen gegenüber? Nehmen wir eine Haltung der Respektlosigkeit ein? Betrachten wir uns als erhaben und besser, vielleicht sogar als ‚gesegneter‘, ‚reiner‘ oder ‚heiliger‘? Nein, weit gefehlt.
Dies würde den Lehren Baha’u’llahs, des Offenbarers der Bahai-Offenbarung, widersprechen. Er lehrte:

Verkehret mit allen Religionen in Herzlichkeit und Eintracht, auf daß sie Gottes süße Düfte von euch einatmen. Hütet euch, daß euch im Umgang mit den Menschen nicht die Hitze törichter Unwissenheit übermanne.
(aus dem Kitab-i-Aqdas)

O ihr Menschenkinder! Der Hauptzweck, der den Glauben Gottes und Seine Religion beseelt, ist, das Wohl des Menschengeschlechts zu sichern, seine Einheit zu fördern und den Geist der Liebe und Verbundenheit unter den Menschen zu pflegen. Laßt sie nicht zur Quelle der Uneinigkeit und der Zwietracht, des Hasses und der Feindschaft werden.
(aus Ährenlese)

Religionen sind doch aber so unterschiedlich…wie können sie alle von einer Quelle kommen?
Die Frage klingt schwer, doch die Antwort ist recht einfach zu finden: Die Menschheit entwickelt sich weiter, damit ändert sich das Verständnis der Menschheit immer auch mit. Gleichzeitig bringt jedes Zeitalter andere Anforderungen mit sich.Deshalb gibt jede Religioandere Antworten auf gewisse Umstände.

Denn jedes Zeitalter fordert ein neues Maß an Gottes Licht. Jede göttliche Offenbarung wurde so herabgesandt, wie es den Verhältnissen des Zeitalters entsprach, in dem sie erschien.
(Baha’u’llah, Ährenlese)

Dabei kann man Offenbarungen und religiöse Lehren immer in zwei Teile splitten: einen geistigen, ewigen Teil und einen sozialen, praktischen Teil. Der praktische Teil, der Hinweise, Ratschläge und Gebote für den Alltag oder die Lebenswelt der Menschen in einem bestimmten Zeitalter gibt, ändert sich. Das ist auch verständlich. Menschen vor 2.000 Jahren konnte man beispielsweise nicht erzählen, dass es eine Evolution gibt, das hätten sie nicht verstanden; deshalb existiert im Alten Testament bspw. die Schöpfungsgeschichte, die aber eher einer Metapher oder einem Gleichniss ähnelt. Heute können die Menschen Dinge viel einfacher verstehen und die Probleme sind andere.

|o| Bahai glauben, dass jede Offenbarung eine bestimme Aufgabe hatte, die der Menschheit bei ihrer Entwicklung helfen sollte und ihr etwas bestimmtes vermitteln, beibringen, lehren sollte. So lehrte Moses‘ Offenbarung Recht und Ordnung, durch Buddha lernte der Mensch, inneren Frieden & innere Balance zu finden, Jesus vermittelte uns die Gebote der Nächsten- und Feindesliebe und Mohammad lehrte die Anerkennung Gottes als Allmächtigen Herrscher.

Doch was ist der Auftrag, den die Bahai-Offenbarung mit sich bringt? Wir hatten doch schon alles…
Der Auftrag der Bahai-Lehren ist, der Menschheit dabei zu helfen, ‚erwachsen‘ zu werden und zu lernen, sich als Einheit in der Vielfalt zu begreifen.

Das Wort Gottes ist eine Lampe, deren Licht der Satz ist:
ihr seid die Früchte eines Baumes und die Blätter eines Zweiges. Verkehrt miteinander in inniger Liebe und Eintracht, in Freundschaft und Verbundenheit.
(Baha’u’llah, Ährenlese)

Der eine alliebende Gott schenkt seine göttliche Gnade und Gunst der ganzen Menschheit.
(Abdu’l Baha, Ansprachen in Paris)

Einheit in Vielfalt

Was aber heißt dies konkret? Es bedeutet, dass Bahai alle Menschen als gleichwertig anerkennen, jedem die gleiche Würde, den gleichen Respekt und die gleiche Brüder- und Schwesterlichkeit zu teil werden lassen – unabhängig der Religion, der Weltanschauung, des Geschlechtes, der Herkunft, Rasse, des Berufes, des Einkommens oder anderer Dinge. Und es heißt, dass die Bahai ihren konkreten Auftrag darin sehen, der Menschheit dabei zu helfen, dies zu verinnerlichen und dies umzusetzen. Dabei geht ein gläubiger Bahai einen Weg der Selbstentwicklung, während er aber auch versucht, auch einen positiven Einfluss auf die Gesellschaft zu üben.