|o|Im ersten Teil der Basics über den Bahai Glauben wurden Infos über die Geistigen Prinzipien der Bahai gegeben. Aber das ist ja bei weitem nicht alles. Jede Religion, jeder Glaube baut auf einer bestimmten Ethik, auf verschiedenen Lehren im Bezug auf das eigene Leben und auf das gesellschaftliche Zusammenwirken auf. Welche Lehren, welche Ethische Prinzipien prägen den Bahai Glauben besonders?

|o|Insgesamt gibt es elf ethische Prinzipien, die von Abdu’l Baha, dem Sohn des Religionsstifters Baha’u’llah und nach dessen Hinscheiden bevollmächtigten Erklärer der Schriften, in Seinen ‚Ansprachen in Paris‘ als grundlegend genannt wurden und den Bahai Glauben besonders prägen. Sie sollen das Denken, Handeln und Leben eines Bahai besonders prägen. Ich werde in diesem Abschnitt auf fünf davon eingehen, die restlichen sechs erkläre ich im dritten Teil der Basics.

|o|Der erste ethische Grundsatz ist das Prinzip der selbstständigen und eigenverantwortlichen Suche nach Warheit. Nach den Bahai Lehren hat jeder Mensch das Recht, selbstständig nach Wahrhheit, Erkenntniss und Wissen zu suchen. Baha’u’llah offenbarte:

O Sohn des Geistes!
Von allem das Meistgeliebte ist Mir die Gerechtigkeit. […]
Mit ihrer Hilfe sollst du mit eigenen Augen sehen, nicht mit denen anderer,
und durch eigene Erkenntnis Wissen erlangen, nicht durch die deines Nächsten.
(Baha’u’llah, Die Verborgenen Worte)

Dies bedeutet, dass jeder Mensch auf eigene Faust nach Wahrheit suchen muss. Dies ist ein Recht, welches Gott jedem Menschen zuspricht. Deshalb versuchen Bahai auch nicht, andere Menschen zu bekehren. Sie klären lediglich auf, informieren und geben bei Interesse mehr Auskunft über ihren Glauben. Jemanden durch Überreden oder sogar Drohungen zum Glauben zu bringen, ist den Bahai verboten.
Da jeder Mensch selbstständig nach Wahrheit suchen muss und die Menschheit eine Stufe erreicht hat, in der (jetzt oder in naher Zukunft) jeder Mensch Zugang zu ausreichend Wissen und Informationen bekommt, gibt es innerhalb der Bahai Religion auch keine Priesterschaft, Berufstheologen oder andere Formen der Geistlichkeit. Als Grundlage des Glaubens gelten alleine die offenbarten Texte Baha’u’llahs (*1817 – †1892) und die Erläuterungen Seines Sohnes Abdu’l Bahas (*1844 – †1921). Jeder Gläubige sollte sich aufgrund dieser Texte selbst eine Meinung bilden, durch Beratung und Austausch mit anderen mehr Verständnis für die Texte erlangen und sie auf das individuelle Leben abwandeln.
(Dies ist auch der Grund, warum alle hier niedergeschriebenen Auslegungen des Glaubens nur meine persönliche Interpretation sind. Lediglich die Zitate sind für Bahai ‚bindend‘.)

|o|Das zweite ethische Prinzip Baha’u’llahs ist die Lehre von der Einheit der Menschheit.

Es rühme sich nicht, wer sein Vaterland liebt, sondern wer die ganze Welt liebt.
Die Erde ist nur ein Land, und alle Menschen sind seine Bürger.
(Baha’u’llah, Ährenlese)

Alle Menschen sind die Blätter und Früchte des gleichen Baumes, […]
und haben alle gleichen Ursprung.
(Abdu’l Baha, Ansprachen in Paris)

Alle Menschen sind als Bürger dieser Welt zu sehen, allen ist die gleiche Achtung entgegenzubringen und niemand als böse, minderwertig oder weniger menschlich anzusehen.

|o|Ein weiteres Prinzip des Bahai Glaubens ist, dass Religion Liebe und Zuneigung hervorrufen sollte. Eine Religion, die dazu führt, dass Menschen sich meiden, Abneigungen gegeneinander entwickeln oder sogar Hass hervorrufen ist laut den Bahai Lehren von den Göttlichen Lehren abgeirrt.

Die Religion sollte alle Herzen vereinen und Krieg und Streitigkeiten auf der Erde vergehen lassen, Geistigkeit hervorrufen und jedem Herzen Licht und Leben bringen.
Wenn die Religion zur Ursache von Abneigung, Hass und Spaltung wird, so wäre es besser, ohne sie zu sein, und sich von einer solchen Religion zurückzuziehen, wäre ein wahrhaft religiöser Schritt.
(Abdu’l Baha, Ansprachen in Paris)

Dieses grundlegende Prinzip wirkt sich sehr stark auf das Leben der Bahai aus, weshalb sie viele Freunde anderer Religionen haben und  sich vielfältig am interreligiösen Dialog beteiligen. Es gibt auch Menschen, die gerne Bahai werden wollen, jedoch dann aufgrund bestimmter Traditionen, gesellschaftlicher Normen oder anderer Dinge von ihrer Familie verstoßen werden würden und aus diesem Grund nicht Bahai werden, um die Einheit der Familie nicht zu zerstören.

|o|Das vierte Prinzip der Bahai Offenbarung betrifft das Verhältnis von Religion und Wissenschaft, von Glaube und Vernunft. Nach Baha’u’llah und Seinem Sohn Abdu’l Baha sind Religion und Wissenschaft gleichberechtigte Partner, als zwei Teile dieser einen Welt und der Wahrheit.

Wir können die Wissenschaft als einen Flügel und die Religion als einen anderen Flügel betrachten. Der Vogel braucht zwei Flügel, um fliegen zu können, einer allein wäre zwecklos. […]

Bringt euren ganzen Glauben in Übereinstimmung mit der Wissenschaft. Es kann keinen Gegensatz geben, weil es nur eine Wahrheit gibt. Wenn die Religion, befreit von Aberglauben, Überlieferungen und unverständigen Dogmen, ihre Übereinstimmung mit der Wissenschaft dartut, so wird eine große einigende, reinigende Kraft in der Welt sein […].
(Abdu’l Baha, Ansprachen in Paris)

Nach den Bahai Lehren kann eines von beiden nicht dazu beitragen, die Welt zu entwickeln, zu bessern und eine fortschreitende Kultur unterstützen. Sollte man Religion ohne Wissenschaft & Vernunft haben, würde dies zu Aberglauben und Fanatismus führen. Wissenschaft ohne Religion führte schließlich zu Materialismus.

|o|Die fünfte Leitlinie ist die Lehre von der Ablehnung von Vorurteilen. Vorurteile, egal ob sie nationaler, rassischer, religiöser, ethnischer, politischer oder anderer Art sind, führen zu Ausgrenzung, Hass und letztendlich auch Krieg.

Alle Spaltungen in der Welt, Haß, Krieg und Blutvergießen, werden
durch das eine oder andere dieser Vorurteile hervorgerufen.
(Abdu‘ Baha, Ansprachen in Paris)

Prinzipien: der selbstständigen Suche nach Wahrheit. Wie soll man selbstständig, d.h. ‚frei‘, nach Wahrheit suchen, wenn einem Vorurteile daran hindern, diese zu finden? Wie soll man Erkentnisse bekommen, wenn man Menschen egal welchen Hintergrundes aufgrund von Vorurteilen meidet, die einem vielleicht unglaublich viel Wissen zu teil werden lassen können?

Der Mensch muss sich von allen Vorurteilen und von den Ergebnissen seiner eigenen
Einbildung trennen, so dass er zum ungehinderten Suchen nach Wahrheit fähig werde.
(Abdu‘ Baha, Ansprachen in Paris)

Auch sollen Vorurteile nicht auf der Grundlage von Religion gebaut werden. Niemand solle jemand anderen meiden, weil man sich selbst als Anhänger einer scheinbar ‚überlegeneren‘ Religion sieht. Viel mehr sollten Religion und Glaube dazu führen, Vorurteile abzulegen und diese zu verringern, anstatt sie selbst zu bedienen.

Gehen Vorurteile und Feindseligkeiten auf das Konto der Religion, so bedenkt,
dass die Religion zu Freundschaft führen muss; andernfalls ist sie unnütz.
(Abdu’l Baha, Briefe und Botschaften)

|o|Das war der erste Teil der Bahai Prinzipien. In einem weiteren Beitrag werden die restlichen Prinzipien erklärt.