|o|Ich bin gerade nach Hause gekommen und höre mal wieder tape.tv. Heute war ein interessanter Tag. Mittags war ich mit einer Kommilitonin zum Englisch üben verabredet und es gab gutes Mittagessen.  Meine beste Freundin hat sich nachmittags noch gemeldet und mir erzählt, dass sie kurzfristig in Dresden auf Durchreise ist – ein kleines Spontantreffen war die Folge. Den Abschluss bildete eine DVD-Abend (‚Black Swan‘ nebenbei bemerkt).

 

|o|Ich war auf dem Weg nach Hause, gerade eben. Da ich an einer Tanke vorbei kam, wollte ich schnell mein Fahrradreifen wieder mit Luft füllen. Nur irgendwie ging das Ventil nicht auf, es hatte sich so sehr in die Bindung gedreht, dass ich drehen konnte wie ich wollte. Was sollte ich jetzt machen? Das Rad in die Ecke hauen? ‚Hmm, vielleicht frage ich erstmal die Tankstellenwärterin‘, kam mir der Gedanke. ‚Hätten Sie vielleicht eine Zange da?‘ Sofort begibt sie sich auf den Weg und sucht mir eine Zange. Obwohl sie besseres zu tun gehabt hätte.

|o|Was habe ich heute noch gemacht? Genau, ich war in der Bücherei und habe mir Material für ein Referat geholt. Auf dem Weg nach Hause habe ich beschlossen, eine Pizza zu essen. Also ab in den nächsten Discounter! Rad angeschlossen, Schlüssel in die Tasche und … den Obdachlosen vor dem Eingang gesehen. ‚Oh!‘, denke ich. ‚Soll ich helfen?…Nein, wenn ich ihm Geld gebe, dann kauft er sich vielleicht Drogen oder Alkohol davon. Dann ist ihm auch nicht geholfen…aber vielleicht kauf ich ihm was zu essen…hmm, aber eigentlich kann er auch zur Wohlfahrt gehen, die müssten ihm schon was geben können.‘ Ich ging zur Eingangstür und er begrüßt mich mit einem freundlichen, aber müden ‚hallo‘. Ich nicke nur mit dem Kopf und gehe hinein. Während ich so durch die Regale laufe, überlege ich hin und her. Sollte ich ihm etwas geben? An der Kasse lege ich meine Pizza auf das Band, bezahle mit dem letzten Kleingeld im Portemonnaie und gehe wieder zur Tür…und gehe zu dem Mann und gebe ihm ein 50-Cent-Stück. ‚Hmm, so schlimm ist es gar nicht…‘

|o|Als ich wieder zu meinem Fahrrad gehe, spricht mich eine Frau an: ‚Es gibt doch noch gute Menschen.‘, spricht sie. Ich unterhalte mich kurz mit ihr und erzähle ihr meine Bedenken, also wegen dem Alkohol und den Drogen. Sie antwortet nur darauf: ‚Wissen Sie, es ist egal, was Sie ihm geben. Es macht ihn für einen kleinen Moment glücklich. Ändern, was er ist oder wie er denkt und handelt, können wir leider nicht. Aber eine kleine Freude kann man ihm bereiten.‘
Hmm, eine ganz gute Erklärung. Mit dem Gedanken gehe ich nach Hause und mache mir meine Pizza.

|o|Auf dem Rückweg vom DVD-Abend sind mir dann auch noch meine Schuhe kaputt gegangen. Liegt wohl daran, dass ich sie immer günstig bei einem gewissen Schuhändler kaufe…Also machte ich mich daheim auf die Suche nach dem Alleskleber. Dabei finde ich so einiges, aber nicht den Kleber. Ein kleines Büchlein mit verschiedenen Sprüchen kam mir dabei in die Hand. Natürlich muss ich einen Blick hinein werfen…und dann fällt mir ein Spruch ins Auge, der heute wie die Faust aufs Auge passt. Und der Spruch passt mal unglaublich gut zu diesem Tag:
Manchmal möchte ich Gott fragen, warum Er Armut, Hungersnot und Ungerechtigkeit zulässt, obwohl Er doch die Macht hat, etwas dagegen zu tun. Aber dann habe ich Angst, dass Er mir die gleiche Frage stellt…
Leider weiß ich nicht, von wem der Spruch stammt. Doch er passt heute mal unglaublich gut auf den Tag.

|o| Oft denke ich, dass wir immer ein schlechtes Gewissen bekommen: Welthunger, Verfolgung, Massenarmut. Und wir sehen nur zu. Man möchte uns ein schlechtes Gewissen einreden, für Dinge, die wir nicht verschuldet haben. Und dann schieben wir die Schuld zurück – auch an Gott. Ein oft genanntes Argument von Atheisten, wenn sie mit mir oder anderen über Gott reden, ist, dass es Gott ja gar nicht geben kann, wenn Er doch so viel Leid in dieser Welt zulässt. Ich kann dieses Argument voll verstehen, denn auch ich sehe dieses Leiden, diese schlechten Dinge in der Welt. Doch mittlerweile stelle ich mir viel mehr die Frage, warum wir als Menschen das ganze Zeug eigentlich zulassen.

|o| Natürlich können wir als einzelne Menschen nichts wirklich an der Situation in Afrika ändern, wir können auch nicht die Verfolgung von Minderheiten in anderen Länder verhindern oder jedem Straßenkind aus Asien ein Zuhause bieten. Das liegt über der Kraft eines einzelnen. Natürlich gibt es Möglichkeiten, etwas zu tun. Es gibt Patenschaften, es gibt Freiwilligenprojekte, Entwicklungshilfe, Spenden für Hilfsorganisationen. Doch als Student sind meine Mittel doch auch begrenzt. Natürlich möchte ich etwas tun, doch bin in meinen Mitteln so begrenzt.

|o| Doch vielleicht muss ich gar nicht so große Dinge vollbringen? Mir wurde heute der Tag gerettet – von einer Tankwärterin, die mir eine Zange gegeben hatte. Mir wurde heute der Tag gerettet durch eine Freundin, die mich angerufen hat, um sich mit mir zu treffen.  Einem hilflosen Mann konnte ich eine kleine Freude machen. Um die Ungerechtigkeit zu beenden, reicht es als Anfang schon aus, dem Gemobbten in der Klasse, dem Büro oder im Kreise der Kollegen zur Seite zu stehen.Ist das nicht alles auch schon etwas Gutes? Muss man immer die Welt retten? Hmm, ich weiß nicht.
Im Judentum gibt es ein Sprichwort:
Wenn man einem Menschen das Leben rettet, ist es, als ob man die ganze Welt rettet.
Zwar habe ich heute keinem Menschen das Leben gerettet, doch daurm geht es denke auch nicht immer. Auch kleine dinge ändern die Welt. Ein kleines Zeichen der Hilfsbereitschaft, der Freundlichkeit oder der Menschlichkeit tun es ja auch. Wenn es auch nur einer ist, dem vielleicht nur für den Moment geholfen wurde – es ist etwas Gutes mehr, dass in der Welt ist. Und wenn ich älter bin, wenn ich mehr Geld verdiene als als Student, dann kann ich auch mehr tun, als ich jetzt tun kann.