|o| Diese Woche war wirklich voll mit vielen Nachrichten, manche davon tagtäglich überall nachlesbar, andere nur nebenbei erwähnt. Besonders in Gedächtnis geblieben sind mir drei: Die Nachrichten über den Norweger Anders B. Breivik, den Amerikaner Kenneth Weishuhn und den Palästinenser Ibrahim Abou-Nagie.

|o| Anders Breivik – ein Name, den jeder in den letzten Tagen sicherlich mehr als nur einmal gehört, gelesen oder anderweitig mitbekommen hat. Doch wer ist dieser Mensch eigentlich? Breivik ist der Mann, der im vergangenen Sommer 77 Menschen getötet hat. Darunter waren 68 Jugendliche, die in dieser Zeit an einem Jugendcamp der Norwegischen Sozialdemokraten auf der Insel Utøya teilnahmen. Zuvor tötete er in der Norwegischen Hauptstadt Oslo acht Menschen durch eine Explosion in einem Regierungsgebäude. Knapp ein dreiviertel Jahr später haben nun die Gerichtsverhandlungen begonnen.

Er brachte all diese Menschen um, da er sie verantwortlich machte für eine angebliche Vernichtung der Norwegischen Kultur. Während er auf der Insel Utøya herumlief, und seine Opfer mit Schüssen ins Gesicht tötete, rief er immer wieder „Ihr werden alle sterben, ihr Marxisten!“. In seinem Manifest 2083 A European Declaration of Independence äußert er antiislamische Gedanken, erläutert seinen Tathergang und ruft auf, gegen „Kulturmarxisten“ vorzugehen, die alle das Ziel hätten, die Europäische Kultur zu vernichten. Zu diesen Kulturmarxisten gehörten seiner Ansicht nach alle Sozialdemokraten, Feministen, Humanisten, Homosexuelle, Behindertenaktivisten, Tier- und Umweltschützer. Den Terroranschlag sah er als einzige Möglichkeit, etwas dagegen zu tun. Er wollte damit eine Bewegung in Gang setzen, die er mit den Kreuzzügen verglich. Er wurde noch am gleichen Tag seiner Tat festgenommen.

Während der aktuellen Gerichtsverhandlung hat Breivik wiederholt zugegeben, auf die Tat stolz zu sein. Er wäre zudem enttäuscht, nicht noch mehr Menschen umgebracht zu haben.1

|o| Doch nun zu Kenneth Weishuhn. Er war er? Kenneth war ein 14-jähriger Teenager in den USA. Er war beliebt, hatte viele Freunde an seiner High School und hatte nie Probleme mit seinen Mitschülern. Doch das änderte sich schnell, als er vor etwa einem Monat seinen Freunden erzählte, dass er schwul war. Er outete sich.

Und mit einem Schlag änderte sich alles. Seine Freunde begannen, ihn zu meiden. Doch dem nicht genug. Onine – auf Seiten wie Facebook und anderen Social Networks – wurde offen gegen ihn gehetzt. Eine Facebook-Gruppe wurde gegründet, die offen gegen Schwule und Lesben hetzte. Alle seine Freunde wurden dazu eingeladen. Irgendwann erhielt er Drohanrufe und Todesdrohungen über sein Handy.

Vergangenen Sonntag, am 15. April 2012, nahm er sich das Leben.

Seine Schwester meint, sie habe nicht verstanden, wie schnell sich alles ins Negative habe drehen können. Die Mutter macht die Schule verantwortlich, da sie nicht schnell genug eingeschritten ist. Kenneths Selbstmord ist somit in einer Reihe anderer homosexueller Jugendlicher, wie Eric James Borges (19 Jahre), Phillip Parker (14), Jeffrey Fehr (18) und anderer, die sich in den letzten Monaten das Leben aufgrund von Ausgrenzung und Mobbing an Schulen und in Familien das Leben nahmen. 2

|o| Und wer ist nun Ibrahim Abou-Nagie? Er ist ein Palästinenser, der in Deutschland lebt und als Islamischer Prediger tätig ist. Er leitet Islamschulen für Deutsche Jugendliche. Er gehört der Islamischen Strömung des Salafismus an und gilt als Betreiber der Website http://www.DieWahreReligion.de. Diese Website wurde genutzt, um öffentlich zu Straftaten aufzurufen.4

Vor wenigen  Tagen begannen die Salafisten in Deutschland mit der Verteilung kostenloser Koranausgaben in Deutschland. Gleichzeitig nutzen sie weiterhin die oben genannte Website, um mehr und mehr Jugendliche zum salafistischen Islam zu bringen. Der Vorsitzende des Deutschen Verfassungsschutzes, die salafistische Gemeinden und Gruppen in Deutschland beobachten, äußerte: „[…]wir stellen fest: Alle potenziellen Terroristen und Gewalttäter, die wir haben, haben in irgendeiner Form salafistische Bezüge.“ ³

Abou-Nagie hetzt in seinen Artikeln und Texten offen gegen Juden, Christen und Homosexuelle. 4

|o| Doch wie hängt das alles zusammen? Das eine spielte in Norwegen, das andere in den USA und das letzte in Deutschland. Wo ist da der Zusammenhang? Es ist ganz einfach: Vorurteile. Es geht immer um Vorurteile. Vorurteile der Weltanschauung, der Politik, der Religion, des Geschlechtes, der Sexualität, der Nationalität.

Breivik beging seine Taten in dem vorurteiligen Gedanken, dass alle diese ‚Kulturmarxisten‘ Europa vernichten wollten. Das Umfeld von Kenneth verurteilte ihn aufgrund von Vorurteilen. Abou-Nagie hegt Vorurteile gegen Juden und Christen. Immer ist das Konzept des Vorturteils das gleiche: Ich bin besser als der andere, ich gehöre der höheren Gruppe an.

Eine […] Lehre Bahá’u’lláhs ist, daß religiöse, rassische, politische,
wirtschaftliche und vaterländische Vorurteile den Bau der Menschheit zerstören.
Solange diese Vorurteile herrschen, wird die Menschenwelt keine Ruhe finden.
(Abdu’l Baha, Briefe und Botschaften)

Besonders in dieser Woche ist mir dieses Zitat bewusst geworden. Doch was hat das ganze mit mir zu tun? Ich meine, ich bin doch frei von Vorurteilen. Mir passiert doch so etwas nicht…Oder doch?

Nein, leider bin ich auch nicht frei von Vorurteilen, so gerne ich es auch wäre oder so sehr ich es auch versuche. Immer kommen neue dazu, wenn ich manche abgelegt habe. Andere bleiben länger. Da ist manchmal das Vorurteil, dass Arbeitslose faul sind. Da gibt es Vorurteil, dass HartzIV-Empfänger an ihrer Situation selber schuld sind. Jemand mit einer ungewohnten Frisur ist doof. Leute, die Heavy Metal hören, sind gewaltbereit und aggressiv. Und die Liste könnte ich noch weiter führen…

Es ist schade, dass ich manchmal so denke. Denn es hindert mich, Leute unbefangen kennenzulernen. Ich denke, dass ich auch noch etwas arbeiten muss in dieser Hinsicht. Und ich denke, diese Arbeit wird nicht enden. Immer kommen neue Vorurteile hinzu. Dazu muss ich nur in die Welt hinausgehen.

In unserer Gesellschaft herrschen so viele Vorurteile, dass es echt schwer ist, damit umzugehen. Abdu’l Baha sagt, dass, solange es Vorurteile gibt, keine Ruhe unter den Menschen gefunden wird. Ich glaube, ich weiß, was er damit meint.

Genau heute vor 100 Jahren hat Abdu’l Baha in Washington D.C. gesprochen:

Gott sieht nicht auf Unterschiede der Hautfarbe oder des Aussehens; Er sieht die Herzen an. Im Reich der Schöpfung und des Werdens ist die Farbe nach der Farbe die aller unwichtigste.
(Abdu’l Baha, Ansprachen in England un Nordamerika)

Vielleicht sollte ich das nächste mal genau an diese Worte denken, wenn sich in mir wieder ein Vorurteil bildet…

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Links zu den Quellen, abgerufen am 20.April 2012 (20:00)

1 – http://www.focus.de/politik/ausland/terror-in-norwegen/tid-25555/liveticker-zum-breivik-prozess-das-ziel-war-alle-zu-toeten-_aid_740267.html

2 – http://youtu.be/68Vd7T4BCYc

3 – http://www.stern.de/politik/deutschland/koran-verteilung-salafisten-stellen-islamkonferenz-in-den-schatten-1815946.html

4 – http://taz.de/Salafist-Ibrahim-Abou-Nagie/!91868/