| Heute ist es mal wieder so weit. Seit einer gefühlten Ewigkeit habe ich hier nichts mehr geschrieben. Aber jetzt muss es mal wieder sein…

|Zur Zeit bin ich in Israel unterwegs, insgesamt zwei Wochen. Im Moment schlafen wir bei einer Bekannte in Gilo, einem Stadtteil Westjerusalems. Kurz entschlossen ging es heute nach Yad vaShem, der Israelischen Nationalgedenkstätte für die Opfer der Shoa הַשּׁוֹאָה (=hebr. für „Holocaust“). Yad vaShem ist hebräisch und bedeutet „Denkmal“ (Yad) und „Name“ (Shem); es basiert auf dem Thora-Vers Jesaja 56:5. In diesem Komplex wird auf die gesamte Geschichte der Judenfeindlichkeit, die schon im frühen Mittelalter begann, eingegangen und schließlich die Shoa schrittweise erklärt. Nach etwa 4 Stunden waren wir immer noch nicht durch das gesamte Hauptgebäude gegangen, waren aber leider nicht mehr aufnahmefähig.

|Während des Besuch habe ich das Gefühl gehabt, dass mir eine unglaubliche Last auf den Schultern liegt. Ich fühlte mich unwohl und war irgendwo schwankend zwischen Trauer, Verständnislosigkeit und Mitgefühl. Ich fühlte mich verantwortlich und schuldig dafür. Doch irgendwie fühlte ich mich nicht als Deutscher schuldig, sondern als Mensch. Die ganze Zeit fragte ich mich, wozu Menschen fähig sind. Ich konnte und kann es immer noch nicht verstehen und ich werde es sicher auch nie verstehen können. Das kann sicherlich niemand. Zu sehen, wie die Juden in Ghettos gesperrt wurden…das Bild der Massengräber von Hinrichtungen….die Deutschen, Polen, Ukrainer und anderen, die dabei zusahen…Bilder von Menschen mit Behinderung, die lächelnd und zugleich völlig verzweifelt hinter Zäunen stehen und abgemagert, schwach, beinahe tot sind…das Bild eines Soldaten, der eine Frau von hinten erschießt, obwohl sie ihr kleines Kind schützend in Händen hält…

|Im ersten Moment war ich verärgert, als meine Freundin Bella nach vier Stunden gehen wollte. Doch länger hätte ich es nicht verarbeiten und aufnehmen können. Wir waren spät, da wir noch Bethlehem in Palästina wollten. Nach einer holprigen und langen Busfahrt ohne Sitzmöglicheit und einem großen Hungergefühl  im Bauch kam wir schließlich an. Sofort ging es zum Markt, um leckere Palästinensische Falafel, Stars & Bucks-Kaffee und einem Souvenir wollten wir den ‚langen‘ Weg (etwa eine dreiviertel Stunde) zurück nach Gilo, Jerusalem, zu Fuß antreten. Kurz vor dem Grenzübergang kamen wir an die Mauer, die Israel und Palästina trennt: Geschätzte 10 Meter hoch, Beton, mit Stacheldraht als Bedeckung. Seltsam an eine Mauer zu kommen, die mitten in einer Stadt steht und so hoch ist, dass man glaubt, im Gefängnis zu sein… Überall waren Graffitis zu sehen, die die Palästinenser an diese Mauer gemacht haben. So bunt und verschieden sie auch waren, sie hatten alle die gleiche Botschaft: Wir wollen Frieden und Freiheit!

|Kurz vor dem Checkpoint nach Jerusalem, Israel, waren Plakate an die Wand gehangen, die Geschichten aus Bethlehem erzählten. Eine davon war mir besondersn im Kopf geblieben:

Ein kleiner Junge aus Bethlehem wurde mit etwa 13 Jahren verhaftet, da er ohne Erlaubnis auf das Gelände gegangen war, dass früher seinen Eltern gehört hatte und nun Israelisch war. Während seiner Haftzeit bastelte er eine Miniatur des Felsendomes, eines der größten Heiligtümer des Islam. Sein größter Wunsch war es, einmal dort beten zu dürfen. Leider haben er und seine Familie jedoch keine Jerusalemer ID-Card, weswegen er nicht nach Westjerusalem und in die Altstadt kann, wo der Felsendom steht…

|Am Checkpoint angekommen, wurde uns das Ausmaß des Ganzen klar: Insgesamt drei Kontrollen und etwa 500 Meter Sicherheitsschleußen mussten wir passieren. Als Deutsche reichte es, unsere Reisepässe zu zeigen und wir konnten passieren. Palästinensern ohne Jerusalem-Pass wird es leider nicht so einfach gemacht. Sie können nicht dorthin. Und die mit Jerusalem-ID-Card müssen lange warten, um all die Kontrollen über sich ergehen zu lassen. Alles nur, um Freunde besuchen, einkaufen oder beten gehen zu können…

|Ich musste in Palästina oft an die Ghettos im III.Reich denken…Ich kann es nicht erklären und verstehen, auch kann ich nicht Richter sein und jemandem mehr oder weniger Schuld geben. Ich hoffe und wünsche jedoch, dass es Frieden und Freiheit für beide Völker gibt, denn die Welt ist nur ein Land und alle Menschen sind seine Bürger